Abschied von der italienischen Schauspielerin Francesca De Martin

Tief erschüttert erhielt ich heute die traurige Nachricht, dass Francesca De Martin nach schwerer Krankheit am 23. Dezember 2009 verstarb.  Die in Bremen lebende Ausnahmeschauspieler war auch im Süden Deutschlands bekannt, beliebt und hochgeschätzt. Ich hatte das Glück Francesca in der Kultur-Werkstatt mit ihrem Programm „Glück(s)los“ erleben zu dürfen. Ihr Besuch bei uns war ein nachhaltiges, unvergessliches Erlebnis. Ciao Francesca und lass es Dir gut gehen!

An alle

Die italienische Schauspielerin Francesca De Martin, geboren am 30.04.1961 in Vittorio Veneto, Italien starb nach langer und schwerer Krankheit am 23.12.2009 in Bremen, Deutschland. Sie wurde 47 Jahre alt und wir nannten sie „Checca“.

Bekannt durch Ihre unnachahmliche Kunst, ihr Theater menschlich, tiefsinnig, unbeugsam und komisch zu gestalten, hatte Francesca De Martin eine lange Erfolgskarriere. Ihre Solo-Stücke reihen sich wie eine Perlenkette seit den frühen 80er Jahre bis ins neue Jahrtausend: „Mistero Buffo“ von Dario Fo, eigene Produktionen wie „Putzfrau“, „Glück(s)los“, „Bella und Beatrix“ und andere. Als „Signora Grandi“ machte sie satirische Sendungen für Funkhaus Europa, sie war auch Mitbegründerin des legendären Zelttheaters „Fliegende Bauten“. Zusammen mit Jutta und Gerburg Jahnke (Missfits) und Andrea Bongers produzierte sie 2008 „Lappen weg“. Sie verachtete auch nicht das Dokumentationstheater und produzierte 2005 „Aufmarsch der Itaker“ über die Zeit der Gastarbeiter aus Italien in Deutschland der 60/70er Jahre.

Man kann sagen, es war ein Theaterleben wie aus dem Bilderbuch. Wie konnte es den anders sein, wenn man ihre Persönlichkeit aus der Nähe betrachtet. Diszipliniert und besessen in ihrer Arbeit, besaß Francesca eine Bescheidenheit, die ich manchem meiner Kollegen wünschen würde. Ihre Stärke ging aus einer stillen Quelle hervor und sprudelte auf unerwartete Weise auf der Bühne in Fontänen von Witz, Härte, Körpersprache und Engagement, die man dieser kleinen Person gar nicht zutrauen mochte. Es war schön, ihr in die Augen zu schauen, wie es auch schön war, sie in ihren explosionsartigen Entladungen von bester Schauspielkunst zu erleben. Sie entwickelte im Laufe ihres kurzen Lebens auch die Schreibkunst; 2003 schrieb sie das Stück „Ibericus“ für ihren Lebenspartner Alvaro Solar und gewann Preise in den Festivals von Dresden und Riga. Ein Allround-Talent? Ja, unbestreitbar. Liebende Mutter, Frau und Freundin, wer sie aus der Nähe kannte oder gar mit ihr lebte konnte nichts anderes machen als sie lieben.

Sie ist nun nicht mehr da und ihr Echo expandiert in immer breiteren Wellen. Fassungslosigkeit packt uns angesichts ihrer Erkrankung und ihres Todes, auch Wut: diese merkwürdige Emotion gegen eine heimtückische Krankheit, die ihr den Wind aus den Segeln genommen hat. Es ist wohl die Zeit gekommen, in der wir ihr Weggang einfach hinnehmen müssen, weil es eine Tatsache ist, die uns alle irgendwann trifft. Weil sie sich durch ihre Reise aber auch in dergleichen Art von uns entfernt, wie sie sich in unsere Herzen langsam tief hineinbohrt. Vermeintlich verlorene Erinnerungen, ein Wort, ein Satz, ein Blick, kehren mit Kraft und Würde zurück und lassen uns tief seufzen oder lachen. So bleibt sie. Ich habe mich manchmal über sie geärgert, aber das rundet ihre Präsenz umso mehr ab. So gesehen kreist sie in mir, wie in vielen anderen Menschen und verbleibt für sehr lange Zeit meine Checca, nämlich solange ich lebe.

Liebe Grüße und ein gutes 2010
Erwing Rau

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Published in: on Dezember 31, 2009 at 10:30 am  Comments (3)  
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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich habe erst heute am 13.jan. 2010 von Francescas Tod erfahren. Das hat mich umgehauen, sprich tief berührt.
    Denn wir haben eine lange Geschichte in gewisser Weise:
    Micha (Hüring) und ich haben als „Parabolistas“ 1977
    (2-Mann Stassentheater) quer und längs durch Italien gespielt.
    In Vittorio Veneto auf der Piaza im Caffee hinter der Bar stand die kleine, hübsche Francesca, bediente uns Narren. Micha und Francesca schauten sich in die Augen, eben etwas tiefer. Na ja, ab da multo amore, aber eben auch der weitere Weg in den Hundertfleck(Wandercirus), die spätere Gründung des Zelttheaters Fliegende Bauten etc.
    Vieles bleibt mir mit Francesca unvergessen!!!
    Nur noch eines hier gesagt:
    Ich seinerzeit als „Odysseus“ und Franzesca als Königstochter „Nausikaa“ begegneten uns 70 mal, immer wieder neu, jeden Abend in der Vorstellung (Odysseus, gejagt von Poseidon und an der Insel der Phäaken gestrandet,völlig erschöpft, quasi nur notdürftig seine Scham bedeckend) Jahrzehnte älter, von Athene verjüngt, … diese gegenseitige Verliebtheit ganz sachte und scheu zu kreiiren, gelang uns oft, sicher nicht immer.
    Aber wir hatten ein gemeinsames Geheimnis.

    Ciau Franzesca, chivideamo doppo, force in Ittaka !?

    Andy, Odysseus, Andreas

  2. LIeber Erwing,

    ich habe heute die Nachricht von Francescas Tod erhalten.
    Unfassbar. Ich sitze hier und weine.

    Sie war meine Kollegin nur kurz zwar, aber es so Spaß gemacht mit ihr gemacht zu arbeiten.

  3. hello

    just registered and put on my todo list

    hopefully this is just what im looking for looks like i have a lot to read and then a lot to wright


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